Fachkraeftemangel

Vorwort:

Es ist doch immer dasselbe: Die Wirtschaft will den Profit maximieren und die Politik hilft dabei.

Man lockt Fachkräfte, die in ärmeren Ländern ausgebildet wurden nach Deutschland nur weil die Wirtschaft hier sparen will und niemanden ausbildet. Außerdem wird der Blödsinn, dass es keine ausgebildeten Leute hier gibt und man deshalb im Ausland suchen muß, widerlegt.

                                              Erbärmlich!!

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Fachkräfte: Ingenieure ohne Anstellung

Diplomingenieur Volker Beer ist eine hochqualifizierte Fachkraft. Dass er händeringend gesucht wird, davon merkt er nichts. Allein in diesem Jahr hat er 298 Bewerbungen geschrieben.

“Einige Unternehmen reagieren überhaupt nicht, andere schicken nach einiger Zeit wohl formulierte und offenbar juristisch abgeklopfte Absagen, denn die gleichen sich wie Hühnereier, obwohl sie von ganz unterschiedlichen Unternehmen kommen.” (Volker Beer)

Braucht die deutsche Wirtschaft wirklich ausländische Fachkräfte?
Quelle: ARD

 

 

 

Dabei ist Volker Beer hervorragend ausgebildet: Er ist nicht nur Diplomingenieur, sondern auch promovierter Chemiker mit Berufserfahrung. Als er mit Ende Vierzig arbeitslos wurde, fand er keine Stelle mehr. Um nicht von Harzt IV abhängig zu sein, hält sich der Ingenieur mit Vorträgen über Wasser.

 

Unternehmensberater: In der Praxis kein Ingenieur-Mangel spürbar

Ähnliche Erfahrungen haben auch Unternehmensberater der Firma “aicovo” gemacht. Sie führen regelmäßig Testbewerbungen durch, um Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften zu beraten. Die Ursache für den angeblichen Mangel sehen sie bei den Unternehmen selbst.

“Wie kann es sein, dass man als Bewerber erst mehrere Monate nach dem Bewerbungseingang eine Zu- oder Absage bekommt. Das passt alles nicht zu dem Bild, dass die Leute von den Unternehmen händeringend gesucht werden.” (Axel Haitzer, Geschäftsführer von aicovo)

Die Testbewerbung einer Ingenieurin ging so aus: Als sie fünf Wochen, nachdem sie ihre Bewerbung abgeschickt hatte, beim Unternehmen nachfragte, reagierte die Personalleiterin am Telefon völlig unerwartet. Sie sagte der Bewerberin, dass sie deren Bewerbung nun gleich gelöscht habe, weil ihr Unternehmen mit so ungeduldigen Leuten ohnehin nicht arbeiten wolle.

Wie passen diese Erfahrungen zu dem immer wieder propagierten Fachkräftemangel? 100.000 Ingenieure würden fehlen. Die Bundesregierung hat auf die Klagen der Unternehmen reagiert: Mit einer Kampagne will sie nun ausländische Fachkräfte aus China oder Indien ins Land holen. In einem Werbefilm sagt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen: “Wenn Sie aus dem Rest der Welt kommen, sind Sie uns sehr willkommen, wir haben gerade die Zuwanderungshürden gesenkt.”

Experte: Statistik mit Denkfehlern

Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sind die Warnungen der Unternehmen jedoch unbegründet.

“Entscheidender Indikator auf dem Arbeitsmarkt wie auch auf den Gütermärkten sind die Preise, auf dem Arbeitsmarkt die Löhne. Die Löhne für die Ingenieure sind nicht gestiegen, von daher kann es auch keine Knappheit geben.” (Karl Brenke, DIW Berlin)

Statt Knappheit spüren vor allem junge Absolventen wie Daniel R. aus Chemnitz einen  harten Konkurrenzkampf um jede feste Stelle. In nur fünf Monaten hat er 115 Bewerbungen rausgeschickt und eine Absage nach der anderen kassiert. Für seine Bewerbungsgespräche reiste er 7.000 Kilometer quer durchs Land.

Nach einer Erhebung des Institutes München (IMU) in Bayern müssen immer mehr Jungingenieure Leiharbeit annehmen, weil sie oft keine Alternativen haben.

“Freiwillig macht das niemand, wenn sie fünf Stellen haben, die gleich prekär sind, dann haben sie keine Auswahl letztlich und die Leute sind deshalb gezwungen, es anzunehmen, weil sie frisch von der Uni kommen und sich finanzieren müssen.” (Hermann Biehler, IMU Institut München)

Doch was steckt hinter den alarmierenden Zahlen, die der Verein deutscher Ingenieure herausgibt? Im aktuellen Report spricht man von 80.500 offenen Ingenieursstellen. Wie kommt man darauf? Die bei den Arbeitsämtern gemeldeten offenen Stellen werden hier mit dem Faktor fünf hoch gerechnet. Der Grund: Unternehmen würden wohl nur jede 5. Stelle melden. Experten sehen methodische Fehler:

“Insbesondere der, dass man annimmt, dass freiwerdende Stellen von Ingenieuren nur durch Arbeitslose besetzt werden können. Das ist aber in der Realität gar nicht so. Sie werden besetzt von Mitarbeitern, die von einem Unternehmen zum anderen wechseln, weil ein Zeitarbeitsvertrag ausläuft, oder aber durch den Nachwuchs, also von denjenigen, die aus der Uni drängen. Wenn man diese Gruppe völlig ignoriert, dann kommt man in jedem Berufszweig zu einer Lücke.” (Karl Brenke, DIW)

Wir konfrontieren den VDI mit dem Vorwurf des Schlimm-Rechnens. VDI-Pressesprecher Marco Dadomo reagiert gelassen. Er hält die Kritik an seinem Verband für unbegründet.

Im VDI Report heißt es allerdings: “Die Gegenüberstellung von offenen Stellen in Ingenieurberufen und arbeitslos gemeldeten Ingenieuren erlaubt eine Aussage über die Knappheitssituation.”

Doch wem nützt die Debatte um den angeblichen Fachkräftemangel? Die Regierung hat gerade die Zuwanderungshürden gesenkt. Statt 67.200 Euro brauchen gesuchte Fachkräfte wie Ingenieure nur noch ein Jahresgehalt von knapp 35.000 Euro vorzuweisen.

“Ich habe das ungute Gefühl, dort will die Wirtschaft einfach Geld sparen, Profite maximieren.” (Volker Beer)

Autorin: Christiane Cichy