Rede vom joerg

Hier etwas ganz besonderes:

– die Rede von unserem Mitglied der Bürgerplattform, Jörg Schneider vom 07.10.2014 am Wendedenkmal-

Jörg Schneider

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Plauen, Liebe Gäste,
ich möchte Euch heute an dieser historischen Stätte noch einmal in die spannungsgeladenen Tage vor dem denkwürdigen 7. Oktober 1989 zurückversetzen.
Ich arbeitete damals im Werkzeugbau des VEB Elgawa Plauen – einer verschworenen Gemeinschaft die sich im Laufe des Jahres 1989 – von der Staatsicherheit völlig unbehelligt – zu einer kleinen revolutionären Keimzelle des Plauener Wende-Herbstes entwickelte.
Als ich Ende September auf der, von einem Arbeitskollegen bereitgestellten Robotron- Reiseschreibmaschine 20 zweiseitige Demonstrationsaufrufe und zirka 180 Handzettel getippt hatte, suchte ich zunächst nach Möglichkeiten diese Aufrufe an die Westmedien zu lancieren.
Der damalige Berliner Jugendsender RIAS 2 hatte zwei Privatadressen eingerichtet, an die Hörer aus der DDR ihre Musikwünsche richten konnten.
Ich frankierte zwei Briefe mit der Langfassung meines Aufrufs, versah sie mit fingiertem Absender, steckte sie irgendwo in der Stadt in einen Briefkasten und hoffte auf eine Lücke im quasi lückenlosen Post-Kontrollnetz der Staatssicherheit.
Die Briefe landeten natürlich nicht in Westberlin sondern wie erwartet bei der Bezirksverwaltung des MfS in Karl-Marx-Stadt. In einem Bericht vom 27. September 89 heißt es:
Zitat:
„Durch die Kräfte des Zusammenwirkens werden in Verbindung mit dem 1. Sekretär der SED Kreisleitung Plauen und Vorsitzenden der Kreiseinsatzleitung Maßnahmen zur möglichst vorbeugenden Verhinderung einer öffentlichkeitswirksamen Demonstration beraten und eingeleitet, obwohl nicht auszuschließen ist, das es sich bei diesem Pamphlet um eine Provokation handelt. Es sind Maßnahmen eingeleitet um den Schrifturheber zu
identifizieren.“ Zitat Ende. Der Staatsapparat tappte jedoch im Dunkeln.
Dann kam die Nacht vom 2. zum 3. Oktober. Kurz zuvor hatte ich zwei weitere
Arbeitskollegen, die das Risiko auf sich nahmen mit mir den Aufruf zur Protestdemonstration im Stadtgebiet zu verteilen, in meine Pläne eingeweiht.
Die Aktion begann 23.30 Uhr und sollte nicht länger als 1 Stunde dauern;
wir agierten getrennt voneinander in verschiedenen Stadtbezirken.
Ein mulmiges, beklemmendes Gefühl beschlich mich als ich am Markuskirchplatz mit der Verteilung der Aufrufe begann. Doch schon nach wenigen Minuten stellte sich eine gewisse Handlungsroutine ein und die äußeren Umstände erzeugten ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
Die Nacht war finsterer als üblich – es regnete leicht, die schlechte Straßenbeleuchtung tat ihr übriges.
Aus der Brusttasche meiner Jacke zog ich die Handzettel, in der Außentasche hatte ich die Reißzwecken. Außerdem war ich mit zwei Plakaten gut gepolstert, die ich auf dem Laufsteg der Streichölzerbrücke und an der Straßenbahnendhaltestelle Waldfrieden auslegte.
Zirka 10 Minuten nachdem ich das erste Flugblatt in einer Telefonzelle am Markuskirchplatz deponiert hatte, muß ein wohl etwas übermütiger, vielleicht nach einem Kneipenbesuch im nahegelegenen „Sachsenhof“ angetrunkener Plauener Bürger, diese Telefonzelle betreten haben, und rief bezugnehmend auf das vorgefundene Flugblatt im Volkspolizeikreisamt Plauen an.
Aus einer Sofortmeldung der MfS Kreisdienststelle Plauen an die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt geht folgendes hervor:
Am 02.10.89 gegen 23.40 Uhr erhielt das VPKA Plauen einen anonymen Anruf:
Zitat:
„Am 7. Oktober – halten sie sich bereit – Theater auf dem Grotewohl-Platz“.
Nach weiteren 10 Minuten ein erneuter anonymer Anruf:
Zitat: „Habe bereits vor 10 Minuten angerufen – lassen uns nichts mehr gefallen – wir reisen aber nicht aus, wir verändern etwas, treffen uns am 7. Oktober auf dem
Otto-Grotewohl-Platz.“
Durch eine Fangschaltung wurde festgestellt, daß der Anruf aus der Telefonzelle vor der Markuskirche kam.
Der daraufhin zum Ort des Geschehens beorderte Volkspolizist fand in der Telefonzelle den von mir verfassten Aufruf der „Initiative zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft“
Durch Einsatz eines Fährtenhundes wurde ein weiteres mit Reißzwecken festgeheftetes Blatt am Eingangstor der Markuskirche sowie in der Telefonzelle Thälmann / Ecke Schmenkel-Str. festgestellt.
(Das Flugblatt an der Markuskirche führte im übrigen dann dazu, das zunächst die Gruppe um Steffen Kollwitz und Klaus Hopf, die sich um die Aufklärung des Wahlbetruges im Mai 89 bemüht hatten von der Staatssicherheit als Urheber des Schriftstückes verdächtigt wurden.)
Durch den Fährtenhund wurde die Spur bis zur Bahnhofshalle des Oberen Bahnhofes
verfolgt. Damit war klar, der Kriminaldienst des VPKA hatte meine Spur verloren.
In der Folgezeit durchkämmten weitere Einsatzkräfte das Plauener Stadtgebiet und fanden weitere 5 Aufrufe: Telefonzelle Goetheplatz 2 Aufrufe; Telefonzelle Lessing / Wieprechtstr. 2 Aufrufe und Telefonzelle Pawlowstr. / Friesenweg 1 Aufruf. Das MfS konnte also nur einen Bruchteil der Aufrufe sicherstellen. Vor allem die mit Reißzwecken an die Eingangstüren der Mietshäuser gehefteten Handzettel blieben demnach weitestgehend unentdeckt.
Unterdessen waren wir unversehrt und unbehelligt nach Hause zurückgekehrt, und
konnten bereits im Laufe des nächsten Tages das Ergebnis unserer Aktion bestaunen. Wie ein Lauffeuer hatte sich der Aufruf über Mund zu Mund-Propaganda in der Stadt verbreitet.
Es war schwierig die Freude und die Emotionen über die gelungene Aktion zu verbergen. Erst Jahre später erfuhren wir von den nächtlichen Aktivitäten der Staatsmacht. Vielleicht hatten wir einfach nur Glück gehabt!
Ich würde mir heute wünschen, das nur ein Funken dieses Bürgermutes den die Mehrheit der
Plauener Bevölkerung im Herbst 1989 gezeigt hat in das Bewußtsein und die Handlungsweise
der Menschen zurückkehrt.