Rede vom Dr. Grünert am Wendedenkmal

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Rede zur Einweihung “Wendedenkmal” 07.10.2010

Sehr verehrter Herr Ministerpräsident, verehrte Gäste, liebe Plauener, liebe Vogtländer!

Genau 21 Jahre nach dem denkwürdigen Tag stehen wir im Zentrum unserer Stadt um das “Wendedenkmal” zu weihen ! “Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs’noch Esel auf” verkündete zur gleichen Zeit in Berlin der 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED u. Staatsratsvorsitzende Erich Honecker. Das war alles andere, aber kein Sozialismus, was 1989/1990 aufgehalten wurde. Ich glaube, den hatten sich Marx u. Engels etwas anders vorgestellt. Es waren auch keine Ochsen oder Esel, die das SED-Regime u. die gleichgeschalteten Parteien u. Organisationen in die Wüste schickten. Es waren die Bürger Ostdeutschlands, die die Wende vollbrachten ! Die DDR-Führung schmückte sich gern mit Attributen wie

souverän – demokratisch – u. frei , z.B. “Freie Deutsche Jugend” oder “Freier Deutscher Gewerkschaftsbund”. Keines dieser Attribute war in der DDR-Gesellschaft verwirklicht. Wir wissen, die DDR war das Ergebnis von Hitlers verlorenem Weltkrieg u. wurde – auf den Nenner gebracht, von Moskau aus regiert!

Auch wenn sich in den vergangenen 20 Jahren nicht für alle die von Altkanzler Helmut Kohl versprochenen “blühenden Landschaften” eingestellt haben, da Arbeitslosigkeit u. soziale Härte der neuen Gesellschaft und vieler Behörden zahlreiche Vogtländer ins soziale u. psychische Abseits gestellt haben, sind wir heute zusammengekommen, um uns zu erinnern.

Erinnern an die uns auch heute noch bewegenden Tage in unserer Heimatstadt.

Die Tagespolitik müßte in einer anderen Veranstaltung thematisiert werden.

Den Namen Denkmal sollten wir wörtlich nehmen : Im Sinne von “denk mal nach” ! Wie würden wir als DDR-Bürger heute leben, wenn die SED- Staatsmacht 1989 die oppositionellen Bewegungen brutal und Demonstrationen mit Waffengewalt beendet hätten. So wie im sowjetischen u. chinesischen Machtbereich wiederholt geschehen !? Zynischer Kommentar der Diktatoren:

“Niederschlagung der konterrevolutionären Provokationen” !! Aus vielen Beispielen möchte ich nur an die historisch letzte menschen­verachtende Brutalität auf dem Platz des “himmlischen Friedens” im Mai 1989 in Peking und an die Rechtfertigung des tausendfachen Mordes an meist jungen Chinesen durch Egon Krenz erinnern ! !

Wenn wir an das Ende der SED-Diktatur zurück denken, dann empfinde ich – und ich bin sicher, die meisten Plauener und Vogtländer ebenso – Dankbarkeit u- Stolz.

Dankbarkeit gegenüber dem damaligen 1. Sekretär der KPdSU Michael Gorbatschow. Er hat die unbeweglichen inhumanen Strukturen des so genannten , “real existierenden Sozialismus” aufgebrochen u. damit erste Funken einer oppositionellen Bewegung in der Sowjetunion selbst und in den Satellitenstaaten möglich gemacht, die schließlich zum Flächenbrand wurden !

Dank auch an die polnische Gewerkschaftsbewegung “Solidarnosc” mit ihrem Repräsentanten Lech Walesa, die die wichtige Unterstützung von Papst Johannes Paul II. erfuhr!

Dank gehört der ungarischen Regierung um Gyula Horn ! Sie öffnete im Sommer 1989 die Grenze zu Österreich. Dies hatte den Exodus der DDR- Bürger u. vor allem der DDR-Jugend zur Folge. Die DDR-Führung hatte ein unlösbares Problem bekommen !

Danken müssen wir natürlich auch der damaligen bundesdeutschen Regierung Kohl / Genscher, die das weltpolitische kosmische Fenster nutzten und die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes letztlich durch die 2+4 -Verhandlungen und damit den Abzug der sowjetischen Streitkräfte West aus Deutschland möglich machten !

Für uns Plauener ist der 7. Oktober 1989 ein ganz besonderer, ein historischer Tag !

Nachdem der junge Mann Jörg Schneider mit Freunden unter der großen Gefahr von der Stasi entdeckt zu werden, etwa 150 Selbstgefertigte Handzettel mit dem Aufruf zu einer Protestdemonstration am Samstag, dem 40. Jahrestag der DDR in Plauen verteilt hatte und sich diese Aufforderung bei der vorhandenen Stimmung und besonders über die Betriebe wie ein Lauffeuer verbreitete, demonstrierten am 7. Oktober 1989 etwa 15 Tausend Plauener und Vogtländer im Zentrum Plauens. Die Staatsmacht war überrascht! Ihr war es nicht möglich gewesen zu unterscheiden, wer zur Jubelfeier und wer zur Demo, gehen würde! Welch ein genialer Gedanke des damals 22-Jährigen !! Wir wissen, dass es das Verdienst des Superintendenten Thomas Küttler war, daß diese Demonstration letztlich friedlich verlief. Mit den Worten “Keine Gewalt” stellte er sich zwischen die Front der aufmarschierten, bewaffneten Uniformträger und die erbosten Demonstranten. Die zunächst zaghaften “Gorbi, Gorbi”-Rufe

der Menge wurden immer lauter u. mutiger !

Wir Plauener sind stolz, dass erstmalig in der DDR eine

Großdemonstration nicht gewaltsam aufgelöst worden ist !

Wir glauben, dass Plauen die gewaltige aber gewaltfreie Leipziger Demo,

am 9. Oktober 1989, die letztlich das Ende des SED/PDS-Regimes

einläutete, möglich gemacht hat.

Wir danken posthum der Berliner Malerin Bärbel Bohley für die Gründung des “Neuen Forum”. Auch wenn wir in Plauen an einen reformierbaren Sozialismus nicht geglaubt haben.

Dank auch an Dr. Martin Böttger, der heute unter uns weilt. Er stand

uns, dem “Neuen Forum Plauen” mit Rat u. Tat zur Seite. Bekannt ist

Dr. Böttger als langjähriger Chef der Stasi-Unterlagenbehörde in Chemnitz.

Das “Neue Forum” war in den Wendemonaten die größte oppositionelle Kraft,

die es je in der DDR gegeben hat, auch in unserer Stadt und im

Vogtland. Zu danken ist den Kirchen, die uns ihre Räume für die konspirativen

Treffen zur Verfügung stellte.

Aber noch bevor wir dem, salopp formuliert, “spontanen Haufen” stabile Strukturen geben konnten, liefen die DDR-Bürger mit weit geöffneten Armen zu den Konsumversprechenden” Invasionstruppen” der Westparteien über. Die

ersten freien Wahlen im Frühjahr 1990 waren für die Bürgerbewegungen ernüchternd u. enttäuschend u. besiegelten ihr Ende. Der Moor hatte seine Schuldigkeit getan !

Den Bürgern, die in der “Gruppe der 20”, im “Neuen Forum” u. in den sich neu gründenden Parteien u. Organisationen aktiv waren, gebührt ein großer Dank ! Sie sind in die Öffentlichkeit gegangen, haben damit ihre Anonymität aufgegeben und wurden für die Staatsorgane der DDR – im besonderen für die allgegenwärtige Stasi – greifbar. Und was das bedeutete, ist den Älteren unter uns klar!

An dieser Stelle möchte ich einen Appell an alle Vogtländer richten: Auch im wiedervereinigten Deutschland u. in der in Ostdeutschland wiedererlangten Freiheit ist die Demokratie kein Selbstläufer ! Konzerne u. Finanzkapital nehmen über Lobbyisten Einfluss auf Politiker und Parlamente. Beraterverträge korrumpieren Politiker. Die Folge ist häufig eine Politik, die nicht dem Willen des Volkes dient! Notwendig ist auch heute eine wachsame und aktive Bürgerschaft !

Grundgesetz u. Demokratie müssen immer wieder verteidigt werden !

Ein großer Dank gebührt heute den Service-Clubs u. deren Koordinator und

spiritus rectus Wolfgang Sachs !

Sie haben die Idee geboren, ein Bürgerfinanziertes

“Wendedenkmal” zu errichten u. haben diese Idee gegen einige Widerstände realisiert!

Last but not least geht unser Dank an den vogtländischen Künstler Peter Luban. Sein Denkmalentwurf hat die Plauener und Vogtländer überzeugt und eine eindeutige Zustimmung gefunden .

Wie die “Freie Presse” kürzlich vermeldete, ist Peter Luban schwanger. Die letzten Tage und Stunden einer Schwangerschaft sollen die schwersten sein.

Wir werden nun den Künstler von seinem und unserem Kind entbinden ! Mögen sich an dieser Stelle nachfolgende Generationen an die Geburtshelfer der

wiedererlangten Freiheit in Plauen u. Ostdeutschland erinnern !!

Vielen Dank

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2 Comments

  1. Michael Beurich
    13/10/2010 @ 20:47

    Schön, diese denkwürdige und inspirierende Rede von Dr. Grünert, hier nochmals nachlesen zu können.
    Danke Dietmar!

  2. Kai Grünler
    13/10/2010 @ 04:58

    Vielen Dank für das Manuskript zur Rede!